„Von Flucht und Krieg“

Gegenüber von der Bushaltestelle wohnt eine liebenswürdige ältere Dame.
Sie ist seit einigen Monaten 80 Jahre alt. Seit 2-3 Jahren fängt sie mich immer mal wieder nach Feierabend – nachdem ich aus dem Bus gestiegen bin – zu einer Erzählrunde ab.
Seit ich ihr 80. Wiegefest mit der Kamera festgehalten habe, bemüht sie sich offenbar noch mehr um eine intensive Plauderei mit mir.

Zuerst mochte ich mich, wie ich sie wahrnahm, vorbeischleichen.
Stand die alte Dame doch mit dem Rücken zu mir. Bestimmt nicht die feine Art. Aber mir war gerade wirklich nicht nach einem Smalltalk.;
Lieber heute, schnell nach Hause gehen. Heim, Essen, Bilder bearbeiten, duschen, vielleicht noch mit Papa den Frankfurtern in der Euroleague zusehen.

Jedoch ging mein Fluchtplan nicht auf.
Mit der Beweglichkeit einer Olympia- Eiskunstläuferin vollführte die 80jährige eine imposante Drehung samt ihrem Rollator. Im Bruchteil der nächsten Sekunde schallte mir ein herzliches: „Hast du Endlich Feierabend entgegen?“

„Verdammt, Erwischt“! ich kann ja auch nicht, wenn man mich so nett anspricht, die Beine in die Hand nehmen und davonrennen.

Einen Augenblick später stand ich schon bei der Rentnerin am Haustor.
Die ersten zwei-drei, vielleicht fünf Minuten, bedauerte ich ehrlicherweise noch, dass ich mich vor dem Gespräch diesmal nicht drücken konnte.
Einige Minute später sah dies bereits anders aus. Da ich mich endgültig von meiner Blitzsehnsucht nach Daheim gelöst hatte und mir die Frau ja Grundsätzlich sympathisch ist.
Wahrscheinlich lag es auch etwas daran, dass ich zu Zeit: „NSA Nationales-Sicherheits-Amt“ von Andreas Eschbach lese. Somit in den letzten Tagen ein neuerliches Interesse an Geschichtlichen Hintergründen und Berichten zum zweiten Weltkrieg geweckt wurde.
Naja, wenn man Interesse hat, was gibt’s da besseres wie eine waschechte Zeitzeugin?

Durch intensiv gewählte Worte machte mich die Pensionärin zu einem aufmerksamen Zuhörer ihrer Kriegserinnerungen.
Sie erzählte, wie sie als Kind mit Stelzen auf der Straße freudig herumstolzierte. Während der Himmel rosa blau aufleuchtete.  Stelzen, die ihr Vater in Eigenregie herstellte. Zu kaufen gab es wenig. Worauf sie mehrmals während ihrer Berichterstattung verwies.
Die Flieger hatten das nahegelegene Darmstadt mit Bomben beworfen. Sie dachte sich beim Spiel nichts und musste vom Vater zuerst eingefangen und dann zum Schutz in den Keller gebracht werden.
„Der Himmel der war damals oft so, ich habe mir dabei überhaupt nichts gedacht.“ Sagte, die alte Dame.
Ihre Brüder wären schon als Jugendliche furchtlose Kerle gewesen.
Der Vater hätte ihre Betten im Keller aufbauen müssen, dass sie dort überhaupt übernachteten. Weil Freiwillig wären sie nicht bereit gewesen ihre Zimmer zu verlassen.

Meine Gesprächspartnerin berichtete, dass man nur zwei oder drei Schulräume beheizen konnte. Deshalb hätte man im Wochenwechsel einmal morgens und einmal am Nachmittag Unterrichtseinheiten gehabt. Auf dem Schulweg und zurück, wäre man aus Angst vor Angriffen, immer von Unterschlupf zu Unterschlupf geflitzt.

Auch sprach die Oma mehrerer Enkel von dem großen Glück, das sie zu einer Familie mit Viehhaltung und eigenem Anbau von Lebensmittel gehörte.
Essen hatten sie immer. Betonte sie. Trotz strenger Abgabepflichten. – Oft, hätten Menschen bei ihnen aus der Umgebung bereits hart gearbeitet für eine kleine Mahlzeit.

Mit brüchigster Stimme sprach die Greisin vom schrillenden Fliegeralarm. Diesen wiederkehrenden schrillen Signalton, den sie: „Zum Lebtag“ nicht vergessen werde. Noch heute werde ihr flau im Magen, wenn sie zurückdenke.
Außerdem sprach die Frau imponierend, wie kein Licht im gesamten Dorf brennen durfte, das die Kriegsfeinde (im Flugzeug) wenig von möglichen Zielen sahen.
Wie den Vater bei einer ähnlichen Situation mehre Splitter trafen, dieser daraufhin leblos im Hof zusammensackte.

Sie wisse noch genau, wie mal ein edles Pferdegespann von einem Kriegsflieger, der so tief flog, wie sie es danach nie wieder erlebte – getroffen worden sei.
Wie unglaublich leid ihr die toten Pferde getan hätten. „Was können denn die armen Viecher dafür?“ Kommentierte die Seniorin den überflüssigen Angriff.

Von Frauen und Männern die ihr Leben beim Obstpflücken gelassen haben, berichtete die alte Dame ebenso nachhaltig.


Am meisten hat mich allerdings die Kriegsgeschichte ihres ältesten Bruders beeindruckt.
Dieser wäre in Russland schwer an der Lunge verwundet worden.
Mit allem Glück und Zuspruch hätten man ihn – weit weg von Zuhause, aber in Deutschland – in ein Spital in Thüringen geschafft. Da man davon ausging der Bruder werde nicht mehr lange unter den lebenden weilen, verständigte man die besorgten Großeltern. Die nahmen, ohne zu zögern, die weite fahrt (ungefähr 500 km) nach Thüringen mit dem Zug, mit etlichen Umsteigstationen, auf sich.
Die Großmutter, eine besonders fromme Frau, bat darum, dass man einen Pfarrer holte. Um ihren Enkel (den letzten) Seelenbeistand zu gewähren.
Die heute 80jähre schwört, so wäre es überliefert: „Wie der Pfarrer kam, und anfing mit meinem Bruder „Das Vater unser“ zu beten“, ab diesem Zeitpunkt ging es Tag für Tag Bergauf.
Vier Monate später durfte er das Krankenlager verlassen und endlich wieder nachhause.
Der Opa hätte ihn abgeholt und immer von den Umsteigestationen zum nächsten Zug getragen. Der Bruder war leider zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wie noch Haut und Knochen.
Angestachelt von seinem Genesungswunder, hätte der Bruder, danach Kindern in der Umgebung u.a. Jahrelang umsonst Klavierunterricht gegeben.

Das war dann wohl doch etwas viel für die rüstige 80jährige.  Mit etwas feuchten Augen verabschiedete sich von mir. Nicht jedoch, ohne mich zu bitten, wenn ich Zeit habe, mal vorbeizuschauen. Dann könnte man ja – nicht unbedingt im freien – im warmen weiterplaudern.



Ich bin unglaublich dankbar, gerade nach dem Gespräch mit der Bekannten, das es meiner Familie, Freunden und Bekannten gutgeht.
Wir nicht täglich gezwungen sind um unser Leben zu betteln.

Kriegsgeschichten, … allem in allem für uns (meine Generation) „nur“ Geschichten sind. Wir hoffentlich nie eigene zu erzählen haben!

Wir in einem Land leben, wo man von Kriegen weltweit hört, jedoch keiner in der unmittelbaren Umgebung (Europa) stattfindet. – Man kann nur hoffen, dass dies so bleibt. Man immer politische Wege findet und sucht, umso einen Schreckensszenario aus dem Weg zu gehen.


Ich befürchte, das Elend, der Verzicht würde mich absolut an meine Grenzen bringen.
Ob ich so widerstandsfähig bin, darf echt zurecht bezweifelt werden?
 



 
 

26.10.18 05:49

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(26.10.18 08:16)
merry-n
Das ist wirklich harter Tobak! Aber andererseits wird einem wieder bewusst, wie privilegiert wir in unserem Land leben. Und zu erfahren, das es auch hier in der Nähe vor nicht allzu langer Zeit so schrecklich war, wie wir es momentan zum Glück nur von Fotos und aus den Nachrichten kennen, das bringt doch vieles wieder in die richtige Relation. Wir sollten aufhören mit dem Gejammer und einfach froh und dankbar sein, dass es uns so gut geht! In diesem Sinne: genieße das Leben!

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