"So wie Romeo und Rumänia"

Auf dem Weg in meinen Alltag – nur wenige Meter vom Busbahnhof entfernt – sah ich eine Frau in der Nähe, des Hinterausganges (Richtung Bahnhof), des Wormser Filmtheaters sitzen.
Sie saß auf ihrem Koffer, neben ihr stand eine Sporttasche. Ich lief ohne einen weiteren Gedankenfetzen an sie zu verschwenden meinem Zielort Innenstadt entgegen.

Zur Mittagszeit kam ich erneut an erwähnter Frau vorbei.
Sie saß unverändert auf ihrem Koffer. Mitten in der prallen Sonne. Die hellblaue Sporttasche stand weiter neben ihr.
Mittlerweile war sie von Kopf bis Fuß von der Sonne gezeichnet. … und doch war es noch immer „Aus den Augen aus dem Sinn“.

Auf dem Rückweg lief ich abermals an ihr vorbei.

Am Abend konnte ich nicht mehr - an dem von der Sonne mittlerweile komplett gegrillten, armen Ding - vorbeigehen.
Ihr liefen nicht, ihr floss regelrecht der Schweiß von ihrer - in aller vorstellbaren rotfarben - glänzenden Stirn.
Neben einen extremen zittern und einem unüberhörbaren, ständigen Nasenhochziehen auffälligstes Merkmal.
Ihr Erscheinungsbild rundeten ein ausgemergeltes Gesicht, große glasige Augen, kleine Nase, eingefallene Wangenknochen und ausgedorrte Lippen, sowie Strohblondes-Haar, das zu einem Zopf gesteckt war, ab.
Am Leibe trug sie, eine dunkelblaue Leinenhose, ein grauer dicker Pullover und blaue Chucks.

Ich sprach sie an: „Was machst du denn da, ich sehe dich schon den gesamten Tag dasitzen“?         
Sie erzählte, in gebrochenem und doch gut verständlichem Deutsch? „Ich warte auf meinen Freund“ Danach teilte sie mir auf Nachfragen mit, dass sie Rumänin sei und 39 Jahre alt.
Ob sie nicht aus der Hitze in den Schatten wechseln möchte, wollte ich anschließend von ihr wissen?
Das Zittern nahm augenblicklich zu: „Dann sieht mich Freund nicht“.

„Du wartest aber schon ganz schön lange oder? Glaubst du, der kommt noch“?
Sie holte einen Zettel aus einem abgewetzten Geldbeutel hervor.
Auf dem in großen Druckbuchstaben, eindeutig mit Bleistift beschrieben, ein Name und eine Nummer stand. „Kannst du anrufen“?  
Ich war jedoch nicht sofort bereit zu helfen. Erst rückversicherte ich mich, dass das eine Privatnummer in Deutschland sei.
Ich rief an. Nichts geschah.
Niemand nahm ab. Nicht beim ersten und auch nicht beim fünften Versuch.

Sie aus Hitze herauszubekommen gelang mir nicht. Egal wie sehr ich auch auf sie einredete. Sie blieb Stur auf ihrem Koffer sitzen.
Einen Augenblick überlegte ich die Polizei zu rufen oder sonst einen Rettungsdienst. Entschied mich dann jedoch dagegen.

Stattdessen erkundigte ich mich mitfühlend: „Hast du denn schon was getrunken“? „Nein“.
Was möchtest du denn trinken? - „Eine Cola“.
Zum Diskutieren war ich nicht mehr aufgelegt. Sie tat mir auch viel zu leid, um überhaupt ein Streitgespräch in Erwägung zu ziehen.

Deswegen bat ich: „Bleib hier, ich gehe schnell eine Cola kaufen, nicht weglaufen, du musst echt was trinken sonst gehst vor die Hunde“? – Wie viel sie von meinem Kauderwelsch wohl verstand?
Zumal sie sowieso, davon ist schwerstens auszugehen, nicht fortgelaufen wäre.

Fünf Minuten später, überreichte ihr ihr die Coladose.
„Danke“.
Gierig schüttete sie die klebrige Flüssigkeit in sich hinein.
Ich schaut ihr einige Sekunden zu.

Ein Mann kam hinzu. Sie stand wie von der Tarantel gestochen auf. Tauschten meines achtens freundliche aber keineswegs leidenschaftliche blicke aus, berührten sich nicht.

Ich glaube, wenn das meine Freundin gewesen wäre;
Ich hätte sie in so einem erbärmlichen Zustand vorgefunden, ich hätte sie wahrscheinlich alleine aus purer Sorge erdrückt?

Ich konnte mit meinen Belehrungen nicht aufhören: „Sie muss sofort in den Schatten, verstehst, vielleicht besser noch zu einem Arzt?“
Der dunkelhäutige Mann nickte mir mild zu.
Er sprach sie in einer mir unverständlichen Sprache an. Nahm in eine Hand den Koffer und in die andere die Sporttasche und trottete los. Die Frau ihm, an der Coladose nippend, hinterher.

Zu einem „Tschüss“ oder irgendein anderes Zeichen der Verabschiedung kam es nicht mehr. – Bleibt zu hoffen, dass sie ihr Glück findet, soweit von der Heimat entfernt?!

Leicht verdattert machte ich mich auf dem Weg nach Hause.
Wo ich seitdem intensiv versuche – Mal wieder durchs Blogschreiben – meine Gedanken abzulegen und meine gesammelten Eindrücke richtig zu verarbeiten und einzuordnen.

 

Gute Morgen! – Wer immer ihr auch seid?!

7.8.20 11:47

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(7.8.20 12:06)
hallo, guten tag, ich finde es überaus fein von dir, das du dich um sie, soweit es eben möglich war, gekümmert hast.. <3

schönen schwitzfreutag

grüsst findemich


"Rex-Mama" / Website (7.8.20 13:50)
Schade, dass du nicht tatsächlich die Polizei verständigt hast, denn für mich hört sich dieser "Freund" eher nach einem fragwürdigen "Arbeit-"Geber an, um es mal etwas beschönigend zu umschreiben.

Trotzdem natürlich ein dickes Lob für deine Hilfsbereitschaft - viel zu viele schauen einfach weg, wenn sie etwas sehen, das ihnen nicht geheuer erscheint.

Liebe Sonnen-und-schwitz-Grüße von der

"Rex-Mama"

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